Dünne Sohlen

Als mich mein Praktikant bei der Hufbearbeitung eines Vollblüters beobachtete, fragte er mich: „Wieso schneidest Du an dieser Hufsohle nichts aus?“ Ich antwortete ihm: „Weil da gar nichts dran ist.“ Daraufhin fragte er natürlich: „Woran siehst Du das denn, der Huf sieht doch ganz normal aus?“„Ich sehe es nicht, ich schätze es ein,“ erklärte ich ihm!

Die dicke der Sohle ist ein wichtiges Merkmal für die Hufgesundheit. Die epidermale (Epidermis = oberste Schicht der Haut) Sohle ist eine gewölbeförmige Struktur, welche der Kontur des Hufbeins folgt. Die Hufsohle ist am Tragerand und an den Trachten dicker als in der Mitte des Hufs. Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin die Last zu tragen und zu verteilen und die darüber liegenden sensiblen Strukturen zu schützen.

Die Einschätzung der Sohlentiefe ist für die Hufbearbeitung sehr wichtig, da eine unangemessene Sohlentiefe zu starken Schmerzen und somit zu Lahmheit und Huflederhautentzündung führen kann. Durch die (auch oft chronische) Lederhautentzündung kommt es leicht zu Rotation des Hufbeins, was das Problem noch verstärkt. Hier entsteht durch gequetschte Sohlenpapillen und schlechte Blutversorgung ein Teufelskreis.

In einigen mir bekannten Fällen kam es vor das Pferde nach unsachgemäßer Hufzubereitung starke Schmerzen hatten und sogar wegen akuter Huflederhautentzündung in die Klinik gebracht werden mussten. Manchmal findet der Tierarzt keine Erklärung und Diagnostiziert Hufrehe, obwohl die Lösung so einfach ist: Die Hufe wurden zu kurz ausgeschnitten!

Die Bilder zeigt einen empfindlichen Huf. Die Sohle ist Flach, sie hat vor der Strahlspitze keine Wölbung, die Hornwände sind ebenfalls dünn.

Flachsohlige Pferde mit geringer Sohlentiefe sind ohne Hufschutz fühlig, das Hufhorn wächst nur langsam und ist außerdem von schlechter Qualität. Beim Ausschneiden ist deswegen extreme Vorsicht angesagt, um keinen Schaden anzurichten.

Was ist Sohlentiefe?

Die Sohlentiefe oder genauer die Dicke der Hornsohle kann anhand einer seitlichen Röntgenaufnahme ermittelt werden. Es ist der vertikale Abstand zwischen der Hufbeinunterseite und der äußeren Sohle. Der Abstand umfasst also Huflederhaut und Gefäßnetz sowie die nicht sensitive Hornsohle. Durch Röntgenbilder die nicht exakt von der Seite, sondern von schräg aufgenommen wurden kann es zu perspektivischen Verzerrungen kommen, die den tatsächlichen Abstand verfälschen. Da in der Praxis natürlich auch nicht immer Röntgenbilder existieren, wird die Sohlentiefe vom Hufschmied anhand von äußeren Anzeichen ungefähr geschätzt. Dafür sind genaue Kenntnisse der Hufanatomie und eine Art Röntgenblick unerlässlich.

Vorsicht!

Die Länge der äußeren Hornwand sagt nichts über die tatsächliche Sohlentiefe aus. Ein sehr kurz aussehender Huf kann eine dicke Sohle haben und umgekehrt kann ein lang erscheinender Huf eine dünne Sohle haben.

Die Sohlendicke variiert bei verschiedenen Pferden:

< 5 mm 5 – 12 mm 12 – 15 mm 15 -20 mm 20 -25 mm
extrem dünn sehr dünn mittelmäßig dünn angemessen sehr dick

Tabelle mit freundlicher Genehmigung von Dr. Ric Redden

Eine Sohlentiefe von weniger als 15 mm ist problematisch, d.h. Venogramme zeigen hier gekrümmte, komprimierte, fehlende Sohlenpapillen. (Venogramme sind Röntgenaufnahmen der Blutgefäße, die über ein Kontrastmittel sichtbar gemacht werden).

Durch die geringe Sohlentiefe werden die kranzförmigen Gefäße, die das Hufbein an der Unterseite umgeben, gequetscht.

Die Keimzellen der Huflederhaut die sich dort befinden und für das Wachstum des Hufhorns zuständig sind brauchen Platz, um gesundes Hufhorn produzieren zu können.

Bei zu geringer Sohlentiefe ist der Gefäßdruck erhöht, die Blutversorgung schlecht und dadurch das Hornwachstum sehr langsam.

Welche Pferde haben dünne Sohlen?

Englische Vollblüter haben sehr häufig dünne Sohlen, daher benötigen sie oft ihr Leben lang einen Hufbeschlag. Ebenso Quarter Horses und seine Verwandtschaft, wie Paints, Appaloosa,.. Aber auch Pferde anderer Rassen können, davon betroffen sein. Es kommt hinzu das man hier oft Pferde mit negativem palmarem Winkel findet, hier ist das Hufbein im hinteren Bereich bodenwärts abgesunken.

Diese Pferde mit 0 Grad oder negativen palmarem Hufbeinwinkel sind auch empfindlich wie Pferde mit Hufrehe, nur eben im hinteren Hufbereich.

(palmarer Hufbeinwinkel = Winkel den die untere Ebene des Hufbeins bzw. der Hufbeinäste von der Seite betrachte mit der Standfläche bildet.)

Meistens sind es Pferde mit Flachen, weiten Hufen bei denen die Probleme am massivsten sind, sie entwickeln eher Hufrehe weil die Durchblutung der Hufe sowieso chronisch eingeschränkt ist, außerdem ist durch die Flache Stellung auch der Zug der Tiefen Beugesehne höher. Dadurch neigen flachere Hufe eher zu Hufbeinrotation als steilere Hufe.

Aufgrund der fehlenden Blutversorgung erreichen diese Pferde nur langsam oder nie eine gesunde Sohlentiefe oder gute Trachtenlänge. Durch die Absenkung oder Rotation des Hufbeins werden Blutgefäße gequetscht und zerrissen.

Wie sieht die Weiße Linie aus?

Die HL (Horn-Lamellen) Zone, die Weiße Linie ist je nach Grad der Erkrankung leicht bis mittelmäßig erweitert. In machen Fällen sind in der Weißen Linie Blutrote Stellen oder auch wässrig hellgelbe Flüssigkeit, die vom Stress des Horns zeugen, zu sehen. Das Rote ist Hämoglobin (roter Blutfarbstoff), das durch Zug auf die Hufbein-Huflederhaut Verbindung frei wird. Das Gelbe ist Lymphe, deren Rückfluss bei Zerreißungen in der Gefäßstruktur ebenfalls gestört ist.

Die Hornwand ist bei dünnsohligen Hufen meistens ebenfalls dünn und empfindlich. Die Wachstumsringe auf der Oberfläche der Hornwand sind bei langsamen Wachstum dichter zusammen, als bei beschleunigtem Hornwachstum, dadurch kann die Wand, je nach Art des Wachstums, unterschiedlich oder auch wellig aussehen.

Wie können diese Pferde behandelt werden?

Je nach Hufform und ob es gelingt durch geeignete Maßnahmen die Blutversorgung zu verbessern können sich nach einer Hufbeinabsenkung Blutgefäße auch wieder neu bilden, man nennt das Angiogenese.

Hier sind die Forschungen noch in den Kinderschuhen, aber man weiß das z.B. bei Durchblutungsstörungen unterhalb der Hufbeinmitte ein anheben des palmaren Winkels zur Verbesserung der Situation führt.

Genau genommen müsste vor der Hufzubereitung bei Hufrehe ein Venogramm gemacht werden, um gezielt Behandeln zu können.

Bewegung und Massage des Kronrands helfen die Blutzirkulation und den gesamten Stoffwechsel im Huf zu fördern. Um die Entzündung der Huflederhaut (Hufrehe) zum Abklingen zu bringen hilft kühlen sehr gut.

Pferde mit sehr dünnen Sohlen, denen sogar das Laufen auf der Weide Schmerzen bereitet, brauchen immer einen Hufschutz. Egal ob ein Beschlag geklebt oder aufgenagelt wird ist es wichtig Druck auf die Sohle zu vermeiden.

Ich verwende gerne leichte Hufeisen deren Profil ich durch schmieden so verändere, dass die dem Huf zugewandte Seite schräg nach innen geneigt ist, damit sie nicht in die Sohle drückt. Das hat bei flachen Hufen außerdem den Vorteil das die Nagellöcher zum Huf hin geneigt sind und es möglich ist hoch genug zu nageln.

Das Vernieten und Anziehen der Nägel muss so vorsichtig geschehen, das kein Druck auf Sohle oder Hornwand entsteht. Die empfindliche Sohle kann nach Bedarf durch Einlagen und/oder Polster geschützt werden, allerdings darf der gesamte Beschlag keinesfalls zu schwer werden. Der wichtigste Aspekt ist aber in jedem Falle den Tragerand durch ein Hufeisen zu schützen und somit die Sohle vom Boden wegzubekommen. Eventuell ist es vorübergehend besser einen Hufschutz zu kleben als zu nageln.

Weiche Kunstoffbeschläge kommen für solche Pferde nicht in Frage, da die schlechte Hornqualität dem größerem Zug durch die Nägel nicht aushält und andererseits der Huf durch die nachgebende Sohle noch weiter wird.

Bei der Hufpflege bzw. dem Hufbeschlag ist es wichtig genau zu beobachten und zu dokumentieren und kleine aber erreichbare Ziele zu setzen. Die Sohle darf kaum ausgeschnitten werden.

Hufe mit geringer Sohlentiefe brauchen ein Leben lang besondere Zuwendung. Die Beschlags Intervalle müssen kurz, etwa 5-6 Wochen, gehalten werden, um ein Ausbrechen des Horns zu vermeiden.

In einigen Fällen ist es gelungen auch empfindliche Pferde auf Barhuf umzustellen. Es dauerte etwa zwei Jahre bis die Hufe widerstandsfähig wurden und gesundes Horn nachgewachsen war. In dieser Zeit kann mit Hufschuhen gearbeitet werden.

Können Futterzusätze helfen die Situation zu verbessern?

Bei der Fütterung ist üblicherweise auf ein gutes Calcium-Phosphor Verhältnis zu achten. Durch sauren Regen und Übersäuerung des Bodens vermehren sich Pilze, die bei der Zersetzung des Horns von Bedeutung sind. Der pH-Wert im Blut kann durch die Fütterung von Kalk/Calcium erhöht werden. Gras beschleunigt durch seine wertvollen Inhaltsstoffe das Hornwachstum.

Lysin, Menthionin, Vitamin A und H oder Mangel an Selen, Jod, Mangan, Zink, Kupfer können für die Struktur des Hufhorns von Bedeutung sein. Diese Stoffe können durch ein hochwertiges Mineralfutter auf Basis organischer Substanzen zugefüttert werden. Übergewicht oder eine Überdosierung von Mineralfutter ist Gift für das Tier. Insbesondere die Überdosierung von Selen führt zu einer ganzen Reihe von Problemen, zum Beispiel zur Ablösung der Gelenkknorpel und muss deswegen vermieden werden.

Die äußeren Anzeichen einer geringen Sohlentiefe

Das Pferd läuft ohne Eisen sehr fühlig, oft ist ihm sogar das Stehen ohne Beschlag unangenehm.

Das Hornwachstum ist langsam. Die Qualität ist eher schlecht und bröckelig.

Die Sohle hat nur eine schwache Wölbung, ist flach oder gar konvex.

Die Hufsohle ist druckempfindlich, in extremen Fällen lässt sie sich mit dem Daumen eindrücken.

Der Hufrücken hat im unteren Drittel eine leichte Vorwölbung nach außen, eventuell zeigt die Hornwand leichte Reheringe, die Weiße Linie ist leicht verbreitert.

Eventuell neigt das Pferd dazu Hufgeschwüre zu bekommen